Wie und warum altern wir?

Was passiert in unserem Körper, wenn wir altern? Was sind die molekularen und zellulären Mechanismen, die das Altern steuern, und können wir das Altern verzögern, indem wir gezielt in diese Prozesse eingreifen? Das sind einige der Fragen, die wir am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns beantworten wollen. Wir alle kennen die äußeren Merkmale, die im Alter auftreten, wie Falten und graue Haare, aber warum wir altern und was genau im Inneren unseres Körpers passiert, wenn wir altern, ist viel weniger verstanden.

    Wie altern wir? - Die Kennzeichen des Alterns

    Unter Forschenden gibt es viele Diskussionen über die Mechanismen, die zum Alterungsprozess beitragen. Es ist jedoch weithin anerkannt, dass Schäden am genetischen Material, an Zellen und Geweben, die sich mit dem Alter anhäufen und vom Körper nicht mehr repariert werden können, die Ursache für den mit dem Alter verbundenen Funktionsverlust sind. Aber was diese Schäden auf molekularer Ebene verursacht und warum sie in jungen, aber nicht in alten Lebewesen repariert werden können, ist weit weniger klar.

    Um den Alterungsprozess besser zu charakterisieren, haben Forschende begonnen, die zellulären und molekularen Kennzeichen des Alterns zu identifizieren und zu kategorisieren [1, 2]. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass neun verschiedene Kennzeichen zum Alterungsprozess beitragen und zusammen die beobachtbaren Merkmale der Alterung bestimmen. Ein entsprechender Prozess wird als Kennzeichen des Alterns betrachtet, wenn seine Verschlechterung eine vorzeitige Alterung verursacht, während seine Verbesserung die Gesundheit während des Alterns fördert und die Lebensspanne verlängert.
    Die neun Kennzeichen des Alterns werden im Folgenden kurz dargestellt:

     

    1) Genomische Instabilität

    Mit Ausnahme der roten Blutkörperchen enthält jede unserer Körperzellen die Anleitung für alle notwendigen zellulären Prozesse. Dieser Bauplan ist unsere DNA und besteht aus über 3 Milliarden sogenannten Nukleotiden, den einzelnen DNA-Bausteinen, die zusammen unser individuelles Genom bilden.
    Da das Genom die Anweisungen für alle Funktionen in einer Zelle enthält, ist sein korrektes Funktionieren unerlässlich für das gute Funktionieren unseres Körpers. Unser Genom ist jedoch ständig Angriffen durch innere und äußere Einflüsse ausgesetzt. Zu den schädlichen Einflüssen von außen gehören UV-Strahlung und Luftverschmutzung. Innerhalb des Körpers können Sauerstoffradikale, die bei unserer Atmung entstehen, das Genom schädigen. Man schätzt, dass die DNA in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers bis zu einer Million Mal pro Tag geschädigt wird [3].
    Glücklicherweise enthält unsere DNA auch die Informationen für mehrere Prozesse, die solche Schäden erkennen und reparieren können. Daher verfügen unsere Zellen über eine Fähigkeit zur Selbstreparatur des Erbguts.
    Das Problem ist, dass diese Reparaturprozesse nicht perfekt sind. Obwohl unsere Zellen die meisten DNA-Schäden reparieren können, wird eine Teilmenge der DNA-Schäden nicht richtig repariert und stattdessen als Mutationen in unserem Genom verankert. Diese Mutationen, die alle Aspekte der Funktion einer Zelle beeinträchtigen können, häufen sich im Laufe der Zeit an, insbesondere wenn wir älter werden. Menschen, bei denen die Reparaturprozesse des Genoms beeinträchtigt sind, zeigen oft Anzeichen einer beschleunigten Alterung. DNA-Schäden tragen auch zur Entstehung von Krebs bei [4]. Die Arbeitsgruppen von Ron Jachimowicz und Stephanie Panier untersuchen jeweils unterschiedliche Aspekte dieser DNA-Reparaturmechanismen. Mehr Informationen gibt es auf ihren jeweiligen Unterseiten.
    Interessanterweise hat sich gezeigt, dass eine verminderte Nahrungsaufnahme, die Zunahme der DNA-Schäden, die mit der Zeit auftreten, verlangsamt [5, 6]. Darüber hinaus helfen auch die offensichtlichen Gesundheitstipps wie das Vermeiden von Sonnenbrand, weniger gegrillte/frittierte Lebensmittel zu essen und nicht zu rauchen. Dies zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, Schäden an unserer DNA zu reduzieren oder die Reparaturmechanismen unserer Zellen zu verbessern, um den Alterungsprozess zu verzögern.

     

    2) Telomerverschleiß

    Eine besondere Form der Genominstabilität ist die Verkürzung unserer Telomere. Telomere sind die Enden der Chromosomen des menschlichen Genoms. Sie sind vergleichbar mit dem verschlossenen Ende eines Schnürsenkels und halten unsere Chromosomen stabil. Bei jeder Zellteilung geht ein Stück der Telomere verloren, so dass sich die Chromosomenenden immer mehr verkürzen, je älter wir werden [7]. Wenn eine bestimmte Mindestlänge erreicht ist, wird die Zelle inaktiv und teilt sich nicht mehr. Solche Zellen können dann absterben oder sogar Entzündungen verursachen, was den Alterungsprozess beschleunigt und Krankheiten auslöst. Ein spezifisches Enzym namens Telomerase verhindert die Verkürzung der Telomere und stellt sogar die Länge der Telomere wieder her. Bei Mäusen, die dieses Enzym nicht haben, wurden Symptome vorzeitiger Alterung beobachtet [8]. Entsprechend führt ein höherer Telomerase-Spiegel bei Mäusen zu Langlebigkeit. In den meisten Zellen von Erwachsenen ist die Telomerase nur wenig oder gar nicht aktiv. Eine Aktivierung der Telomerase zur Erhöhung der Lebensspanne ist jedoch gefährlich, da die Telomerase-Aktivität mit vielen Krebsarten in Verbindung gebracht wird [9].

     

    3) Epigenetische Veränderungen

    Unser Genom besteht aus mehr als 3 Milliarden Nukleotiden von vier Typen: A, T, C und G. Um in den nur wenige Mikrometer großen Zellkern zu passen, ist das genetische Material gut verpackt und aufgerollt. Würde man den DNA-Faden abwickeln und ausbreiten, hätten wir es mit einem 2 Meter langen Molekül zu tun. Die einzelnen DNA-Stränge sind im Zellkern um Proteine namens Histone gewickelt. Sowohl die DNA als auch die Histone können kleine chemische Veränderungen enthalten, mit denen sich einzelne Gene an- oder abschalten lassen. Die Summe dieser chemischen Veränderungen wird als Epigenom bezeichnet. Forschungsgruppenleiter Peter Tessarz und Ivan Matic untersuchen in ihren Laboren, welche Rolle solche epigenomischen Veränderungen für den Alterungsprozess spielen.
    Das Epigenom verändert sich mit dem Alter. Einige der chemischen Veränderungen sind fehl am Platze, werden an der falschen Stelle hinzugefügt oder gehen verloren. Dadurch verändert sich auch die Kontrolle über die Genaktivität, also das präzise An- und Abschalten einiger Gene [10].
    Unser Epigenom wird durch unsere Ernährung und unseren Lebensstil beeinflusst, aber auch chronischer Stress oder bestimmte Medikamente können es verändern. Studien an Hefe, Würmern und Fliegen haben gezeigt, dass Veränderungen im Epigenom direkt die Lebensspanne dieser Organismen beeinflussen [11].

     

    4) Verlust der Proteostase

    Die DNA unserer Zellen enthält die Anweisungen für alle zellulären Funktionen. Aber es ist nicht die DNA selbst, die diese Funktionen ausführt. Stattdessen enthält unsere DNA die Informationen für die Herstellung von Proteinen und Enzymen, die Aufgaben übernehmen und Prozesse innerhalb der Zelle steuern. Proteine und Enzyme steuern alle chemischen Reaktionen in den Zellen und geben der Zelle auch ihre Struktur. Um diese Funktionen zu erfüllen, müssen die Proteine präzise in eine ganz bestimmte Struktur gefaltet werden, ähnlich wie beim Origami. Der Begriff Proteinhomöostase, kurz Proteostase, beschreibt die Aufrechterhaltung der Form und der Menge aller Proteine [12].
    Mit zunehmendem Alter werden Proteine durch normale zelluläre Prozesse vermehrt geschädigt, was auch ihre Form und Faltung beeinflusst. Falsch gefaltete Proteine können nicht nur ihre normale Arbeit nicht mehr verrichten, sondern neigen auch dazu, zu verklumpen, was eine toxische Wirkung auf die Zelle haben kann [13]. Die Alzheimer-Krankheit zum Beispiel ist eine altersbedingte Erkrankung, die durch fehlgefaltete Proteine verursacht wird [14]. In unserem Institut erforscht die Arbeitsgruppe von Martin Denzel neuartige Wege, die die Qualitätskontrolle von Proteinen sicherstellen.
    Weil die Aufrechterhaltung der Proteostase so wichtig ist, verfügt die Zelle über mehrere Mechanismen, um die Faltung und Qualität von Proteinen zu kontrollieren. Es gibt nicht nur Mechanismen, um gestörte Proteine zu reparieren und neu zu falten, sondern auch Wege, solche Proteine abzubauen und dann durch neue zu ersetzen [15]. Fehlgefaltete und geschädigte Proteine können beispielsweise über einen Recyclingprozess, die sogenannte Autophagie, abgebaut werden. An diesem Prozess forscht die Forschungsgruppe von Martin Graef.
    Viele Studienergebnisse deuten auf eine wichtige Rolle der Proteostase beim Altern hin: Fehlgefaltete Proteine nehmen mit dem Alter zu; mehrere altersbedingte Krankheiten wie Alzheimer werden mit fehlgefalteten Proteinen in Verbindung gebracht; die Verbesserung der Proteinqualitätskontrolle erhöht die Lebensspanne von Mäusen und anderen Modellorganismen [15-17].

     

    5) Gestörte Wahrnehmung von Nährstoffen

    Wenn ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stehen, speichern Zellen und Gewebe Energie und wachsen, während bei Nährstoffmangel Mechanismen zur Erhaltung der Homöostase und Reparatur aktiviert werden. Dieses Verhalten hat sich im Laufe der Evolution etabliert und ist möglicherweise mit einer Verlangsamung des Alterungsprozesses verbunden. Wenn Zellen ständig einem Nährstoffüberschuss ausgesetzt sind, wie es bei Diabetes und Fettleibigkeit der Fall ist, werden die zellulären Mechanismen, die Nährstoffe erkennen, unempfindlicher. Dieser Prozess tritt auch während des Alterungsprozesses auf und führt dazu, dass die Zellen nicht mehr richtig auf die Signale reagieren, die normalerweise die Energieproduktion, das Zellwachstum und andere wichtige Zellfunktionen regulieren.
    Daher haben viele Studien die Auswirkungen der Nahrungsaufnahme oder der Wahrnehmung von Nahrung auf den Alterungsprozess untersucht. Wenn zum Beispiel die Gesamtnahrungsaufnahme reduziert wird (kalorische Restriktion) oder dem Körper vorgetäuscht wird, dass er "glaubt", weniger Nahrung zu sich zu nehmen, zum Beispiel durch den Einsatz bestimmter Medikamente, wird der Insulinsignalweg ausgeschaltet und die Lebenserwartung steigt bei Taufliegen. Ähnliche Effekte sind auch bei Mäusen beobachtet worden. [18, 19]. Das Ergebnis all dieser Studien ist, dass eine reduzierte Nahrungsaufnahme die Gesundheit verbessert und die Lebensspanne einer Vielzahl von Tieren erhöht.
    Zwei Nährstofferkennungswege stehen besonders im Fokus der Alternsforschung: Der Insulin/Insulin-Wachstumsfaktor (IGF) und der Target of Rapamycin (TOR)-Stoffwechselweg bilden zusammen ein zentrales Nährstoffsensornetzwerk innerhalb der Zelle, das auch mit den positiven Effekten einer reduzierten Nahrungsaufnahme in Verbindung gebracht wurde. Interessanterweise verlängert eine genetische oder pharmakologische Hemmung des Insulin/TOR-Netzwerks die Lebensspanne bei einer Vielzahl von Tieren, was es zu einem erstklassigen Ziel für die Entwicklung von Anti-Aging-Medikamenten macht.
    Die Abteilungen von Linda Partridge und Adam Antebi sowie die Forschungsgruppen von Costas Demetriades, Martin Denzel und Joris Deelen beschäftigen sich mit diesem Kennzeichen des Alterns.

     

    6) Mitochondriale Fehlfunktion

    Zur Aufrechterhaltung aller zellulären Prozesse und chemischen Reaktionen benötigt die Zelle Energie. Die zelluläre Energieproduktion findet in den Mitochondrien statt, deren Einfluss auf den Alterungsprozess in der Abteilung von Thomas Langer, in der Forschungsgruppe von Lena Pernas sowie in der Gruppe des externen Mitglieds Nils-Göran Larsson untersucht wird.
    Mitochondrien sind kleine Zellbestandteile, die auch als die "Kraftwerke der Zelle" bezeichnet werden.  Sie sind unerlässlich für die Energiegewinnung durch Verwertung des eingeatmeten Sauerstoffs.
    Bei diesem Prozess entstehen jedoch manchmal freie Radikale, sogenannte Reaktive Sauerstoffspezies oder ROS [20].
    ROS können so ziemlich jedes Molekül in der Zelle schädigen, von der DNA über Proteine bis hin zu Fettsäuren. Lange Zeit dachte man, dass ROS die Hauptursache für den Alterungsprozess sind. Man hat angenommen, dass eine Reduzierung der ROS-Menge automatisch zu einem gesünderen und längeren Leben führen würde.
    Seit einigen Jahren ist jedoch bekannt, dass eine Reduzierung der ROS-Menge manchmal überhaupt keinen Einfluss auf die Gesundheit hat. In manchen Fällen ist es sogar umgekehrt und eine leichte Erhöhung der ROS-Menge in den Zellen hat sogar positive Auswirkungen. Aus diesem Grund ist man zu dem Schluss gekommen, dass ROS im Allgemeinen eine wichtige Funktion bei der Übermittlung von zellulärem Stress haben [21].
    Zellen, Organe und Gewebe, die Stress wahrnehmen, erhöhen als Reaktion darauf ihre Erhaltungs- und Reparaturprozesse. Für ein gesundes Altern muss daher die Menge an ROS genau richtig sein: nicht zu viel und nicht zu wenig.
    Eine mitochondriale Fehlfunktion kann generell wichtige zelluläre Signalwege und Prozesse beeinträchtigen. Schließlich wird die Zelle weniger leistungsfähig bei der Energieproduktion, und gleichzeitig steigt das Niveau des oxidativen Stresses, was zu Schäden an anderen zellulären Komponenten führt. Infolgedessen trägt die mitochondriale Fehlfunktion zu mehreren altersbedingten Krankheiten wie Myopathien und Neuropathien bei [22].

     

    7) Zelluläre Seneszenz

    Zellen teilen sich, um einen Organismus wachsen zu lassen oder um alte Zellen in einem bestimmten Gewebe oder Organ zu ersetzen. Aber irgendwann geht diese Fähigkeit verloren; die große Mehrheit der Zellen kann sich nicht unendlich oft teilen. Zellen, die in einen permanenten, sich nicht mehr teilenden Zustand übergegangen sind, nennt man seneszente Zellen. Diese Zellen sterben jedoch nicht ab. Stattdessen geben einige von ihnen schädliche Moleküle an ihre Umgebung ab, die andere Zellen negativ beeinflussen können [23, 24].
    Ein Grund für die zelluläre Seneszenz ist die Verkürzung der Telomere. Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Einflüsse, die einen seneszenten Zustand in einer Zelle auslösen können, wie z. B. Schäden an der DNA.
    Lange Zeit war unklar, ob seneszente Zellen zum Alterungsprozess beitragen oder einen wirksamen Schutz gegen die Entstehung von Krebs darstellen. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass seneszente Zellen das Überleben sogar bei jungen Mäusen verringerten [25]. Medikamente, die seneszente Zellen abtöten oder zum Stillstand bringen, werden als Senolytika bezeichnet und werden nun im Zusammenhang mit Alterung und Krebstherapie auf ihre mögliche positive Wirkung beim Menschen getestet.

     

    8) Erschöpfung der Stammzellen

    Für die Gesundheit unseres Körpers ist es wichtig, dass Gewebe und Organe alte Zellen erneuern und Schäden reparieren können. Die Fähigkeit unseres Körpers, Teile von Geweben und Organen zu erneuern, basiert auf Stammzellen, die in fast jedem Gewebe vorhanden sind. Stammzellen sind die ultimative Quelle für neue Zellen, da sie sich theoretisch unbegrenzt teilen und so neue Zellen produzieren können.
    Gesunde Stammzellen müssen in der Lage sein, sich zu teilen, wenn der Körper oder ein bestimmtes Gewebe neue Zellen benötigt, aber nur dann und nicht unkontrolliert. Die Teilungsfähigkeit von Stammzellen und die Fähigkeit, sich nur dann zu teilen, wenn neue Zellen benötigt werden, nimmt mit dem Alter ab. Im schlimmsten Fall kann die ungebremste Teilung von Zellen zu Krebs führen [26].
    Mehrere Studien haben gezeigt, dass bestimmte Moleküle, zum Beispiel das Medikament Rapamycin, die Funktionen der Stammzellen aufrechterhalten können und damit nicht nur die Gesundheit der Stammzellen verbessern, sondern auch den Alterungsprozess des Körpers positiv beeinflussen [27, 28].

     

    9) Veränderte interzelluläre Kommunikation

    Die Zellen unseres Körpers kommunizieren miteinander. Eine intakte Zell-zu-Zell-Kommunikation ist entscheidend für unsere Gesundheit und beeinflusst auch unseren Alterungsprozess.
    Zellen können verschiedene Arten der Kommunikation nutzen. Befinden sie sich direkt nebeneinander, kommunizieren sie über ihre physikalische Verbindung. Durch die Freisetzung bestimmter Moleküle ist es aber auch möglich, Zellen zu erreichen, die sich nicht in unmittelbarer Nähe befinden. Durch die Ausschüttung von Hormonen in die Blutbahn ist es sogar möglich, Empfänger zu erreichen, die sich in völlig anderen Körperregionen befinden, und verschiedene Organe können auf diese Weise miteinander kommunizieren [29].
    Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur die von den Zellen gesendeten Signale, sondern auch die Fähigkeit der Empfängerzellen, auf diese Signale zu reagieren. Diese beeinträchtigte Kommunikation führt zu Problemen wie chronischen Gewebeentzündungen sowie dem Versagen des Immunsystems, Krankheitserreger oder defekte Zellen zu erkennen und zu eliminieren, was die Anfälligkeit für Infektionen und Krebs erhöht [30].

     

    Die neun Kennzeichen des Alterns zeigen deutlich, wie komplex der Alterungsprozess auf molekularer Ebene ist und wie er auf vielfältige Weise beeinflusst werden kann [1]. Obwohl sich das Wissen der Alternsforschung ständig weiterentwickelt, bieten die neun Kennzeichen des Alterns eine hervorragende Grundlage für unser Wissen über die grundlegende Biologie des Alterns.

     

      Warum altern wir? - Evolutionstheorien des Alterns

      Die neun Kennzeichen des Alterns geben einen guten Überblick über die Mechanismen, die die Frage "Wie altern wir?" beantworten. Aber warum altern wir überhaupt? Wenn es Prozesse in unseren Zellen gibt, die unsere Lebensspanne verlängern können, warum haben die Organismen dann keine entsprechenden Mechanismen entwickelt?

      Die Lebensspanne variiert stark zwischen verschiedenen Tieren und reicht von nur wenigen Stunden bei Eintagsfliegen bis zu fünfhundert Jahren bei Islandmuscheln. Einige primitivere Tiere wie Seeanemonen und der Süßwasserpolyp Hydra scheinen überhaupt nicht zu altern, während die langlebigste Wirbeltierart der Grönlandhai ist, der bis zu 400 Jahre alt werden kann und erst im Alter von 150 Jahren die Geschlechtsreife erreicht. Das Altern ist jedoch nicht die einzige Strategie, die im Laufe der Evolution entwickelt wurde, denn einige Tiere wie der pazifische Riesenkrake, männliche Ameisen oder die Männchen des kleinen Beuteltiers Antechinus agilis sterben sofort nach der Fortpflanzung. Obwohl also die meisten Organismen altern, sind die Fragen "Warum altern wir?" und "Was bestimmt den Unterschied in der Langlebigkeit zwischen den Arten?" viel weniger verstanden.
      Aus einer evolutionären Perspektive ist das Altern ein Paradoxon. Das Altern macht uns weniger gesund, und warum sollte sich ein solch schädlicher Prozess entwickeln? Die Antwort lautet: Altern entwickelt sich nicht, weil es nützlich ist, sondern als Nebeneffekt von etwas anderem [31]. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus zwei populären Alterungstheorien, die von den Evolutionsbiologen Peter Medawar und George Williams bereits in den 1950er und 1960er Jahren vorgeschlagen wurden.

      Die "Mutationsakkumulationstheorie" von Peter Medawar besagt, dass die Kraft der natürlichen Selektion bis zur ersten Fortpflanzung hoch bleibt [32]. Danach nimmt sie mit dem Alter ab. Daher können sich schädliche Mutationen, deren Auswirkungen erst spät im Leben auftreten, anreichern, weil nicht gegen sie selektiert wird. Diese Überlegung wird auch als "Selektionsschatten" bezeichnet. Das bedeutet, dass das wichtigste Ziel eines Organismus seine Fortpflanzung ist und bis zu diesem Zeitpunkt die natürliche Selektion für die Aufrechterhaltung der überlebenswichtigen zellulären Prozesse sorgt. Nach der Fortpflanzung gibt es keinen evolutionären Druck mehr, das weitere Überleben des Organismus zu sichern. Die zellulären Prozesse nehmen ab, der Organismus altert und stirbt schließlich.
      Die Theorie der "antagonistischen Pleiotropie" von George Williams besagt, dass die natürliche Selektion Genvarianten mit vorteilhaften Effekten früh im Leben begünstigen kann, auch wenn dieselben Varianten später schädliche Effekte haben [33]. Da die schädlichen Effekte dieser Gene erst im Alter nach der Fortpflanzungsphase auftreten, haben sie wenig evolutionären Einfluss. Die Natur kann nicht direkt gegen ein Gen oder dessen Mutation selektieren, das den Tod eines Individuums im Alter verursacht, wenn seine schädlichen Auswirkungen nicht vor dem Ende der Reproduktionsphase auftreten.
      Eine weitere Schlussfolgerung, die aus diesen Theorien abgeleitet werden kann, ist, dass erwartet wird, dass sich die individuelle Alterungsrate eines Organismus in Übereinstimmung mit dem Grad der äußeren Gefährdung entwickelt. Das heißt, je wahrscheinlicher es ist, dass ein Tier durch Raubtiere oder Nahrungsmangel stirbt, desto kürzer ist seine Lebenserwartung in der Regel. Tiere, die Strategien zur Vermeidung von Gefahren entwickelt haben, sind in der Regel langlebiger. So sind z.B. Vögel und Fledermäuse, die einer Gefahrensituation durch Fliegen entkommen können, oft langlebig, andere Strategien sind soziale Organisation oder Schutz durch Gift oder Panzerung.

      Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Altern nur als Nebeneffekt herausbildet und somit kein planmäßiger Prozess der Entwicklung ist, d.h. es haben sich keine Gene entwickelt, die Schäden und Tod verursachen. Dies könnte auch erklären, warum es ein so variabler Prozess innerhalb und zwischen den verschiedenen Individuen ist.

       

      Quellen:

      1. López-Otín, C., et al., The hallmarks of aging. Cell, 2013. 153(6): p. 1194-1217.
      2. Kennedy, B. K., et al., Geroscience: linking aging to chronic disease. Cell, 2014. 159(4): p. 709-713.
      3. Roos, Wynand P., Adam D. Thomas, and Bernd Kaina, DNA damage and the balance between survival and death in cancer biology. Nature Reviews Cancer, 2016. 16(1): p. 20-33.
      4. Nicolai, S., et al., DNA repair and aging: the impact of the p53 family. Aging (Albany NY), 2015. 7(12): p. 1050-1065.
      5. Ke, Zhonghe, et al., Short-term calorie restriction enhances DNA repair by non-homologous end joining in mice. npj Aging and Mechanisms of Disease, 2020. 6(1): p. 9.
      6. Sohal, R. S., et al., Effect of age and caloric restriction on DNA oxidative damage in different tissues of C57BL/6 mice. Mechanisms of Ageing and Development, 1994. 76(2): p. 215-224.
      7. Aubert, G. and P. M. Lansdorp, Telomeres and aging. Physiol Rev, 2008. 88(2): p. 557-579.
      8. Jaskelioff, Mariela, et al., Telomerase reactivation reverses tissue degeneration in aged telomerase-deficient mice. Nature, 2011. 469(7328): p. 102-106.
      9. Djojosubroto, M. W., et al., Telomeres and telomerase in aging, regeneration and cancer. Mol Cells, 2003. 15(2): p. 164-175.
      10. Booth, L. N. and A. Brunet, The Aging Epigenome. Mol Cell, 2016. 62(5): p. 728-744.
      11. Zhang, W., et al., The ageing epigenome and its rejuvenation. Nat Rev Mol Cell Biol, 2020. 21(3): p. 137-150.
      12. Hartl, F. U., A. Bracher, and M. Hayer-Hartl, Molecular chaperones in protein folding and proteostasis. Nature, 2011. 475(7356): p. 324-332.
      13. Hipp, M. S., P. Kasturi, and F. U. Hartl, The proteostasis network and its decline in ageing. Nat Rev Mol Cell Biol, 2019. 20(7): p. 421-435.
      14. Hartl, F. U., Protein Misfolding Diseases. Annu Rev Biochem, 2017. 86: p. 21-26.
      15. Hartl, F. U., Cellular Homeostasis and Aging. Annu Rev Biochem, 2016. 85: p. 1-4.
      16. Swovick, K., et al., Cross-species Comparison of Proteome Turnover Kinetics. Mol Cell Proteomics, 2018. 17(4): p. 580-591.
      17. Denzel, M. S., et al., Hexosamine pathway metabolites enhance protein quality control and prolong life. Cell, 2014. 156(6): p. 1167-1178.
      18. Castillo-Quan, J. I., et al., A triple drug combination targeting components of the nutrient-sensing network maximizes longevity. Proc Natl Acad Sci U S A, 2019. 116(42): p. 20817-20819.
      19. Fontana, L. and L. Partridge, Promoting health and longevity through diet: from model organisms to humans. Cell, 2015. 161(1): p. 106-118.
      20. Dan Dunn, J., et al., Reactive oxygen species and mitochondria: A nexus of cellular homeostasis. Redox Biol, 2015. 6: p. 472-485.
      21. Sies, Helmut and Dean P. Jones, Reactive oxygen species (ROS) as pleiotropic physiological signalling agents. Nature Reviews Molecular Cell Biology, 2020. 21(7): p. 363-383.
      22. Nunnari, J. and A. Suomalainen, Mitochondria: in sickness and in health. Cell, 2012. 148(6): p. 1145-1159.
      23. Faragher, R. G., et al., Senescence in the aging process. F1000Res, 2017. 6: p. 1219.
      24. Childs, Bennett G., et al., Senescent cells: an emerging target for diseases of ageing. Nature Reviews Drug Discovery, 2017. 16(10): p. 718-735.
      25. Xu, Ming, et al., Senolytics improve physical function and increase lifespan in old age. Nature Medicine, 2018. 24(8): p. 1246-1256.
      26. Goodell, M. A. and T. A. Rando, Stem cells and healthy aging. Science, 2015. 350(6265): p. 1199-1204.
      27. Harrison, D. E., et al., Rapamycin fed late in life extends lifespan in genetically heterogeneous mice. Nature, 2009. 460(7253): p. 392-395.
      28. Fontana, L., L. Partridge, and V. D. Longo, Extending healthy life span--from yeast to humans. Science, 2010. 328(5976): p. 321-326.
      29. Goodenough, Daniel A., Jeffrey A. Goliger, and David L. Paul, CONNEXINS, CONNEXONS, AND INTERCELLULAR COMMUNICATION. Annual Review of Biochemistry, 1996. 65(1): p. 475-502.
      30. Franceschi, Claudio, et al., Inflammaging: a new immune–metabolic viewpoint for age-related diseases. Nature Reviews Endocrinology, 2018. 14(10): p. 576-590.
      31. Johnson, Adiv A., Maxim N. Shokhirev, and Boris Shoshitaishvili, Revamping the evolutionary theories of aging. Ageing Research Reviews, 2019. 55: p. 100947.
      32. Medawar, Peter Brian, An unsolved problem of biology. 1952.
      33. Williams, George C, Pleiotropy, natural selection, and the evolution of senescence. evolution, 1957: p. 398-411.

      This website uses Cookies. By continuing to navigate on this website without changing the Cookie settings of your internet browser you agree to our use of Cookies. Privacy Policy